Attraktive Innenstädte: Was macht die Lebensqualität in den Zentren aus?

Es scheint paradox: Trotz einer stetig wachsenden Zuwanderung aus ländlichen Gebieten in Metropolregionen beginnen deren Innenstädte zu verwaisen. Ein Trend, der sich nicht nur in Deutschland abzeichnet: Weltweit zwingen ansteigende Mietpreise und der zunehmende Internethandel Einzelhändler zum Schließen ihrer Geschäfte, kleine Cafés, kulturelle Einrichtungen, Treffpunkte für Jung und Alt wurden von Fast-Food-Restaurants, Kino-Ketten und unpersönlichen, anonymen Geschäftsgebäuden verdrängt. Doch es ist eine Besserung in Sicht. Politiker, Stadtgestalter, private Initiativen haben sich zum Ziel gesetzt, die voranschreitende Verödung der zahlreichen Zentren nicht nur aufzuhalten, sondern durch zukunftsorientierte Gestaltungskonzepte Innenstädte wieder zu dem zu machen, was sie einmal waren: Anziehungspunkte für alle Altersgruppen, Geschlechter und Kulturen, Plätze für gemeinsame Unternehmungen mit der Möglichkeit zu shoppen, zu entspannen und sich untereinander auszutauschen.

Status quo: Eintönigkeit vorherrschend
Im Jahr 2019 wurde Hamburgs Center in einer Bürgerbefragung zur attraktivsten aller deutschen Innenstädte gewählt, es folgten Berlin und München auf den Plätzen zwei und drei. Dabei waren es vor allem die modernen Shoppingcenter, die auf viele eine besonders hohe Anziehungskraft ausübten: Noch immer stehen möglichst praktische und vielfältige Einkaufsmöglichkeiten vorne auf der Liste der meisten Konsumenten. Mehr allerdings haben die meisten Innenstädte derzeit auch nicht zu bieten.

Langsam, aber sicher jedoch scheint sich eine Trendwende abzuzeichnen: Neben Shopping- und Gastronomieangeboten regt sich bei immer mehr Einwohnern der Wunsch nach einer verbesserte Aufenthaltsqualität, öffentlichem Grün, Spielplätzen und Parkanlagen, verkehrsberuhigten Bereiche und nicht zuletzt sauberen Straßen und Plätzen. Statt den Fokus auf einen oder zwei Faktoren zu begrenzen, soll das Stadtbild als Gesamtheit in den Vordergrund rücken – mit einem bunten Angebot aus kulturellen und sozialen Einrichtungen, Gastronomie- und Freizeitangeboten.

Zukunftsinitiativen: Lebendigkeit zurückgewinnen

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Das Problem verwaister Innenstädte ist bekannt, und es wird an ihm gearbeitet. Doch bestehende Strukturen zu optimieren, bestehende Gewerbeflächen sinnvoll umzunutzen, einem Verkehrskollaps in Innenstädten vorzubeugen und Wohnen und Leben in den verschiedenen Zentren zu ihrer früheren Attraktivität zurückzuverhelfen, ist eine gewaltige Herausforderung. Sie zu meistern, hat das Bayerische Ministerium für Wohnen, Bau und Verkehr die Initiative „Innenstädte beleben“ ins Leben gerufen. Ein Gesamtbudget in Höhe von 100 Millionen Euro soll unter den Städten und Gemeinden des Bundeslandes aufgeteilt und zielgerichtet zur Förderung entsprechender baulicher Maßnahmen eingesetzt werden.

Unter anderem hat Regensburg bereits ein Konzept erarbeitet, mit welchem der urbane Raum wieder in einen dynamischen und lebenswerten Treffpunkt für Fußgänger als auch Fahrradfahrer verwandelt werden soll. Zudem sollen auch Wöhrden und Stadtamhof dank modernen Designs und nachhaltiger Bebauung künftig wieder stärker frequentiert werden.

Eine zukunftsorientierte Gestaltung bereichert eine jede Innenstadt. Ansprechende Sitzgelegenheiten und barrierefreie Ruheoasen laden zum Verweilen ein. Grünflächen werten nicht nur die Umgebung optisch auf, sondern bringen auch die Natur in die Stadt und mit dem Einsatz von Fahrradparkern lassen sich die Fahrräder der Einwohner als auch Touristen sicher verwahren. All das bietet die Grundlage für attraktive Innenstädte und verbessern maßgeblich die Lebensraumqualität.

Umsetzung: Monokulturen vermeiden
Auch andere Bundesländer arbeiten an modernen Konzepten für eine Wiederbelebung ausgestorbener Stadtzentren. Dabei gilt es vor allem, die multifaktoriellen Gegebenheiten der modernen Gesellschaft mit in die Planung einzubeziehen. So müssen neue Geschäftsideen, angebotene Dienstleistungen und Freizeitangebote Aspekten wie einer alternden Gesellschaft, vermehrter Zuwanderung oder Klimaschutz und Nachhaltigkeit gleichsam Rechnung tragen. Innenstädte müssen wieder anziehend wirken – statt mit dem Auto schnell ins Shoppingcenter zu fahren und den Wocheneinkauf zu tätigen, sollten Einwohner freiwillig auf ihr Fahrrad steigen und lokale Einzelhändler unterstützen. Nur durch Vielfältigkeit, durch Angebote ebenso für Familien und Studenten wie auch Unternehmer und Senioren wird es gelingen, das Stadtklima des urbanen Innenraums zum Angenehmen zu verändern und jeden willkommen zu heißen.

Nachhaltig und grün

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Kaum mehr ein Lebensbereich, in dem Nachhaltigkeit nicht ganz oben auf der Prioritätenliste stünde. Von der Energieversorgung über die Verkehrswende bis hin zu artgerechter Tierhaltung und dem Anbau gesunder Lebensmittel steht Klimaschutz vorne auf der Agenda von Politik und Gesellschaft. Immer mehr Städter wünschen sich Wohnungen mit Balkon oder Terrasse, statt Haus mit Garten wird begonnen, auch Innenhöfe zu bepflanzen, den Blick aus dem Homeoffice auf das gemeinsame Gemüsebeet zu ermöglichen und einen nachbarschaftlichen Treffpunkt zu etablieren.

Was im Kleinen möglich ist, soll nun auch im Größeren angegangen werden. Dabei stehen Solaranlagen auf öffentlichen Gebäuden oder Wildblumen als CO₂-Binder auf Flachdächern von Bushaltestellen nicht ausschließlich im Zeichen des Umweltschutzes: Die Einbindung ökologischer Komponenten in moderne städtebauliche Konzeptionen wirkt anziehend auf Anwohner und Besucher – und mit der erhöhten Frequentierung auch auf Unternehmer, die wiederum in die wiederbelebte Gegend investieren.

Alternative Verkehrskonzepte
Der Trend zur Nachhaltigkeit spiegelt sich auch in der Verkehrswende wider. Waren Fahrradtouren im Naturpark Altmühltal mit seinen geschützten Biotopen, idyllischen Bächen und der historischen Burg Breitenegg schon von jeher beliebt, der Oberpfälzer Wald ein bei Bewohnern und Touristen gleichermaßen populäres Ausflugs- und Urlaubsziel, werden seit einigen Jahren auch in Metropolen immer mehr Zweiräder gesichtet. Bereits jetzt ist die PKW-Nutzung in Innenstädten rückläufig, die Einrichtung von Pop-up-Radwegen und alternativen Mobilitätskonzepten wie E-Rollern werden vorangetrieben. Zwar soll dabei nicht jeder Autofahrer als Persona non grata betrachtet, sondern mit in künftige Verkehrsplanungen einbezogen werden. Jedoch sollen Staus in Zentren durch die Weiterleitung auf Umgehungsstraßen verhindert, in Absprache mit lokalen öffentlichen Verkehrsbetrieben Park-&-Ride-Optionen eingerichtet und Innenstädte zu beruhigten Zonen erklärt werden.

Auch Fahrräder wollen abgestellt und angeschlossen sein: Hier ist Heilbronn anderen Städten mit dem Bau eines achtstöckigen Fahrradparkhauses einen Schritt voraus. Der städtische Bau- und Umweltausschuss hat seine Genehmigung für die vollautomatisch betriebene Abstellmöglichkeit von Zweirädern bereits erteilt, im August 2021 soll sie fertiggestellt sein. Mit insgesamt 120 Fahrrädern kann sich der innovative Bau jedoch nicht mit dem 350 Meter langen unterirdischen Fahrradkeller im niederländischen Utrecht messen, der Platz für mehr als einhundert Mal so viele Drahtesel bietet.

Mehrgenerationen-Zentrum
Durch die Fokussierung auf das schnelle Shoppingerlebnis in modernen Einkaufszentren wurden vor allem Kinder und Senioren aus den Innenstädten verdrängt. Für sie wieder interessante Angebote zu gestalten, ist ein weiterer elementarer Baustein auf dem Weg zur Wiederbelebung verlassener Innenstädte. Was im Kleinen mit Mehrgenerationenhäusern als Wohnmodellen bereits fantastisch funktioniert, soll von der privaten auf die öffentliche Ebene transferiert und mithilfe sogenannter Mixed-Udes-Gebäudekomplexen die Nahversorgung aller Einwohner gewährleistet werden. Kitas und Nachmittagsbetreuung für die jüngste Generation, einfach zu nutzende Busverbindungen zu Arztpraxen und ausreichend Sitzbänke in Fußgängerbereichen wie Stadtparks für die Älteren sollen dafür sorgen, dass nicht nur die arbeitende Bevölkerungsschicht in ihren besten Jahren das Bild der Innenstädte prägt.

Für das geistige und leibliche Wohl
Des Weiteren gilt es, kulturelle Einrichtungen, Bildungsangebote und eine gastronomische Vielfalt zurück in die Innenstädte zu holen. Kunstgalerien und offene Ateliers nicht nur für den Erwerb von Bildern und Skulpturen, sondern als Begegnungsstätten, Cafés und Bars nicht nur für den Coffee-to-go oder den schnellen Drink, sondern als Erlebnisräume mit Live-Musik oder Theateraufführungen: Nur eine ausgeglichene Verbindung von Wohnen, Arbeit und Freizeit wird Zentren langfristig wiederbeleben und ihre Standortattraktivität in Zukunft erhöhen. Dazu zählen heutzutage fraglos neben einer flächenübergreifenden und kostenlosen WLAN-Bereitstellung weitere automatisierte und digitalisierte Einrichtungen wie kontaktlose Bezahlmöglichkeiten von Parkgebühren und Theatertickets oder auch Informationssäulen für Touristen mit Touchscreen-Funktion.

Ein weiterer Vorteil des Quartiergedankens, der Anwohnern eine fußläufige Erreichbarkeit von Geschäften und Einrichtungen innerhalb maximal 15 Minuten ermöglichen soll: Durch vermehrte Bewegung, frische Luft, Entspannung und Erholung werden auch die psychische und physische Gesundheit jedes einzelnen gestärkt. Und wer nicht nur spazieren gehen oder gemütlich Fahrrad fahren möchte, soll in Sportvereinen oder Schwimmbädern finden, wonach er sucht.

Ausblick: Digitalisierung mit kulturellem Erbe verbinden
Die Neugestaltung deutscher Innenstädte ist beschlossen, die Umsetzung verschiedenster Konzepte hat bereits begonnen. Dabei ist es nicht keine leichte Aufgabe, allen Interessen gleichermaßen gerecht zu werden. Insbesondere bei der Integration moderner Architektur in historisch gewachsene Innenstädte mit teils mittelalterlichen Bauten und Kopfsteinpflaster darf Einwohnern die Identifikation mit ihrer Stadt nicht genommen werden. Die heutige Zeit ist schnelllebig, und nicht immer ist es einfach für den Einzelnen, mit dieser Schnelligkeit Schritt zu halten.

Zukunftsfähige Projekte sind häufig langfristige Prozesse und sollten sich noch während ihrer Umsetzung an mögliche gravierende gesellschaftliche oder soziale Veränderungen anpassen lassen können. Doch mit festem Willen, Kreativität und der Unterstützung der Bevölkerung werden die Schlüsselfunktionen realisiert werden können, die nach Jahren verwaisten Innenstädten innerhalb Deutschlands wieder zu ihrer alten Pracht und Lebendigkeit verhelfen und ein nachhaltiges Miteinander aller Generationen und Kulturen gewährleisten sollen.

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