Die Oberpfalz: Handwerker-Hochburg oder Ort des Mangels?

Handwerk hat goldenen Boden – ein bekanntes Sprichwort, welchem dem Handwerk Respekt zollt. Und andeutet, dass auch Handwerker durchaus etwas erreichen können. Trotzdem werden die Stimmen, welche auf die Gefahren eines Fachkräftemangels hinweisen zunehmend lauter. Folgen dieser Entwicklung sehen die Handwerksbetriebe jeden Tag. Aufgrund einer starken Nachfrage in der Baubranche haben beispielsweise Dachdecker oder Sanitärbetriebe einen Auftragsboom in den letzten Jahren verzeichnet. In letzter Zeit müssen die Betriebe Anfragen aber immer häufiger ablehnen.

Firmen haben einfach zu viel zu tun. Mehr Personal einstellen, wird schwierig. In den letzten Jahren sind andere Berufe interessanter geworden. Die IT-Branche zieht etwa kluge Köpfe an, die dem Handwerk fehlen. Handwerksverbände fordern die Politik zum Handeln auf. Ist die Lage denn überall so prekär? Oder gibt es vielleicht Regionen, zu denen möglicherweise auch die Oberpfalz gehört, in denen Handwerk und goldener Boden tatsächlich noch zusammenpassen? Eines vorweg: Ob der Anteil an Beschäftigten im Handwerk hoch ist, hängt sehr stark vom Wohnort ab.

Weiden und Neumarkt an der Spitze

Deutschlandweit verzeichnen die Statistiken knapp 580.000 Handwerksbetriebe. Diese liegen natürlich nicht alle in Bayern. Mit mehr als 100.000 Unternehmen macht der Freistaat allerdings einen überraschend großen Anteil aus.

Entsprechend hoch ist auch der Anteil der Beschäftigten. Für mehr als 900.000 Menschen sichert das Handwerk ein Einkommen. Wo gibt es besonders viele Handwerker? Eine Untersuchung des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk (IAB) kommt zu der Erkenntnis, dass es besonders der ländliche Raum ist, welcher für das Handwerk eine besondere Rolle einnimmt.

Während in der Stadt München der Anteil von Handwerkern zur Zahl der Erwerbstätigen bei knapp sieben Prozent liegt, kommt die im Merkur veröffentlichte Untersuchung für Neumarkt in der Oberpfalz auf mehr als 29 Prozent. Und damit ist bereits der eigentliche Kern des Themas erreicht – die Position der Handwerksbetriebe in der Oberpfalz. Die Städte Weiden und Neumarkt gehören in Bayern mit zu den Kommunen mit einem sehr hohen Anteil Handwerkern.

Städte mit hoher Handwerkerquote:

  • Weiden in der Oberpfalz – 57 Prozent
  • Neumarkt – 29 Prozent

Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Ausreißer nach unten. Amberg kam 2013 zum Beispiel auf eine Handwerker-Quote von etwas mehr als 14 Prozent. Ungefähr die Hälfte der Quote von Weiden und Neumarkt. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?

Standortfaktoren sind entscheidend

Zu den wesentlichen Einflussfaktoren zählt der Standort. Oder besser – wie stark das Handwerk im Vergleich zu anderen Branchen präsent ist. Das beste Beispiel hierfür ist Weiden in der Oberpfalz. Aufgrund der Tatsache, dass eine Werkstattkette hier ihren Stammsitz hat, ist die Handwerkerquote in der Stadt überdurchschnittlich hoch – sie liegt bei mehr als 50 Prozent. Soll heißen: Jeder zweite Erwerbstätige in Weiden ist ein Handwerker.

Ähnlich ist der Einfluss in anderen Kommunen. Dort, wo größere Handwerksbetriebe ihren Stammsitz haben, wird ein hoher Handwerkeranteil zu verzeichnen sein. Auf der anderen Seite ist München eine typische Großstadt, die:

  • Dienstleister
  • IT-Fachkräfte
  • Akademiker
  • Gastronomen

anzieht. Entsprechend stark tritt das Handwerk hier bei den Beschäftigten in den Hintergrund. Zumal München bekannt dafür ist, Sitz gleich mehrerer Konzerne und großer Mittelständler zu sein.

Natürlich ist die Oberpfalz nicht die einzige Region mit vielen Handwerkern. Auch

  • Schwabach Stadt
  • Rottal-Inn
  • Straubing-Bogen

sind in diesem Zusammenhang recht solide aufgestellt.

 

Handwerksberufe: Jobs mit Zukunftsmusik

Angesichts einer zunehmenden Digitalisierung wirkt das Handwerk etwas angestaubt. Aber: Hiervon sollte sich niemand täuschen lassen. Inzwischen sind viele Handwerksberufe im digitalen Zeitalter angekommen.

Das beste Beispiel sind Kfz-Fachleute. Seit Jahren nimmt Digitalisierung auch in der Fahrzeugentwicklung eine wachsende Bedeutung ein. Dies bedeutet, dass Kfz-Mechaniker heute mit moderner Technik – wie in der Fehleranalyse oder bei der Motorsteuerung -arbeiten müssen. Handwerksberufe wie:

  • Feinmechaniker
  • Mechatroniker
  • Fertigungsmechaniker
  • Anlagenbauer

profitieren davon. Eine besonders gute Zukunftsperspektive werden Azubis haben, die sich für Berufe entscheiden, in denen Handwerk und Digitalisierung zusammenfließen. Über einen Mangel an Arbeit können sich aktuell auch die Bauhandwerke nicht beklagen.

Aussterbende Handwerksberufe

Neben Handwerksberufen, welche von der Entwicklung profitieren, klagen andere Berufe seit Jahren über einen Mangel an Interesse und werden kaum noch gebraucht. Ein Beispiel ist der Bürstenmacher/Bürstenbinder. Zwar immer noch ein anerkannter Ausbildungsberuf jedoch ist der Bedarf an handgemachten Bürsten und Pinseln gering.

Schuld ist die industrielle Fertigung. Ein sehr ähnliches Schicksal erleben Korbflechter oder Fassbinder. Weitere Berufe sind:

  • Maßschuhmacher
  • Buchbinder
  • Kürschner

Schuld an dieser Entwicklung ist häufig eine Transformation. Die Produkte der Handwerker werden inzwischen maschinell gefertigt. Allerdings kann sich hieraus auch eine Nische ergeben. Auf Maß gefertigte Schuhe sind heute beispielsweise ein Luxus, der entsprechend Geld kostet – genauso wie ein in Handarbeit gefertigter Rasierpinsel. Bedeutet: Dennoch können Auszubildende auch in diesen Berufen immer wieder erfolgreich Fuß fassen.

Wo liegen die Probleme des Handwerks?

Es gibt in Deutschland und der Oberpfalz Handwerksberufe, die bekommen vom Fachkräftemangel noch nicht ganz so viel mit. Auf der anderen Seite beklagen viele Unternehmen, wie schwierig Stellen nachzubesetzen sind. Woran liegt es, dass junge Erwachsene sich nicht mehr für einen handwerklichen Beruf interessieren?

Auf der einen Seite ist hierfür die Gesellschaft als Gemeinschaft schuld. In den letzten Jahrzehnten hat es eine erhebliche Aufwertung des Abiturs und Studiums gegeben. Wer eine glänzende Karriere machen will, studiert. Damit ist das Handwerk gleich doppelt belastet. Auf der einen Seite fehlen Abiturienten als mögliche Kandidaten für die Ausbildung. Andererseits sind es gerade Abiturienten mit ihrem Bildungsniveau, die manch ein Handwerksbetrieb eigentlich bräuchte.

Ein zweiter wichtiger Punkt betrifft die körperliche Arbeit. Handwerk bedeutet in einigen Berufen schwere körperliche Belastungen. Und genau dem wollen Jugendliche heute gern aus dem Weg gehen. Gesucht wird nach Jobalternativen, welche sich inzwischen im Bereich Digitalwirtschaft und dem Dienstleistungssektor bieten. In beiden Branchen sehen Heranwachsende heute besonders gute Karrierechancen. Warum also als Handwerker jeden Tag die Hände schmutzig machen.

Handwerker-Leistungen nicht mehr gefragt

Andererseits befinden sich einige Handwerksbetriebe in einer Zwickmühle. Sie wollen eigentlich ausbilden, ein Teil der Leistungen ist heute aber nicht mehr so gefragt. Fachbetriebe, welche die Reparatur von Haushaltsgeräten oder Unterhaltungselektronik übernehmen, fallen in diese Gruppe. Seit geraumer Zeit geht der Trend hier dahin, dass Haushalte entweder sofort ein Neugerät ins Auge fassen – oder sich selbst versuchen. Dank diverser Anleitungsvideos und ausführlicher Erklärungen aus dem Netz wird so beispielsweise versucht, eine defekte Waschmaschine selbst zu reparieren. Erst, wenn alle Stricke reißen, geht der Griff zum Telefon.

Gerade die Tatsache, dass heute seitens der Hersteller viele Komponenten miteinander kombiniert werden – Stichwort integrierter Akku im Smartphone – macht die Arbeit einiger Handwerker besonders schwierig. Reparaturen werden aufwendig und damit schnell teurer als ein neues Gerät.

Diese Entwicklung ist zwar im Interesse der Hersteller, schneidet Handwerker natürlich vom eigentlichen Kerngeschäft ab. Somit steht das Handwerk in einigen Bereichen also vor Herausforderungen, für die es noch keine kompletten Lösungen gibt.

Fazit: Handwerk kann sich immer noch lohnen

Eine Ausbildung im Handwerk wird von jungen Erwachsenen heute schnell als Sackgasse betrachtet. Hinzu kommt die körperlich nicht immer einfache Arbeit, welche ebenfalls abschreckend wirkt. Das Ergebnis ist ein Mangel an Azubis und Handwerkern. Firmen stellt diese Entwicklung vor erhebliche Herausforderungen. Inzwischen geht in einigen Regionen die Situation schon so weit, dass Betriebe Anfragen und Aufträge ablehnen müssen.

Selbst Maßnahmen wie das Stellen eines Dienstfahrzeugs oder Sachprämien zusätzlich zum Lehrlingsgehalt wirken nicht immer. Allerdings darf die Situation nicht zu pauschal betrachtet werden. In Bayern gibt es Landkreise mit hoher Handwerkerquote. Und auch in Bezug auf die Digitalisierung ist das Handwerk auf dem neusten Stand. Schließlich wollen die Handwerker konkurrenzfähig bleiben. (exb)

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