Oberpfalz: Immer wieder kontroverse Diskussionen – Kunst im öffentlichen Raum

Ob Graffiti-Kunst an der Schwandorfer Fernwärmeversorgungszentrale oder bei der Donumenta in Regensburg im vergangenen Jahr: Kunst im öffentlichen Raum sorgt immer wieder für geteilte Meinungen. Bilder, Skulpturen oder temporäre Installationen, sollen einen kulturellen Beitrag leisten. Dieser stößt jedoch nicht immer auf Zuspruch der Bürger.

Die einen freuen sich über Abwechslung und etwas Farbe an den oft allzu grauen Hausfassaden, die anderen stören sich jedoch an manchen mehr oder weniger abstrakten Werken und stellen gleichzeitig die damit verbundene finanzielle Investition in Frage. Was muss Kunst im öffentlichen Raum leisten können und muss sie jedem gefallen?  

Ein weitläufiger Begriff

Die ersten Diskussionen entstehen bereits dabei, wenn es darum geht, was überhaupt als Kunst im öffentlichen Raum zählt. Den meisten wird bei diesem Thema eine historische Bronzeskulptur, ein besonders gestalteter Brunnen oder künstlerisch aufgewertete Gebäudefassaden in den Sinn kommen.

Dabei umfasst dieser Begriff noch weitaus mehr. Auch temporäre Kunstwerke wie Lichtinstallationen oder besondere Interventionen und Aktionen oder die sogenannte Street Art zählen hier mit dazu. Letzteres ist dabei besonders umstritten. Denn zu dieser unkommerziellen Art der Straßenkunst gehört auch Graffitikunst. Und diese wird oft illegal an den verschiedensten öffentlichen Flächen angebracht.

Streitthema Graffiti

Graffitis haben sich heute im Vergleich zu früher Anerkennung verschafft und genießen inzwischen eine gewisse Popularität. Einzelne Sprayer haben den Sprung vom gelegentlichen sprühen in der Heimatstadt hin zum gefragten Künstler geschafft und werden eingeladen, sich mit ihren besonderen Werken an ausgewählten Flächen im öffentlichen Raum zu verewigen. Fotos ihrer Arbeiten werden in Galerien oder Museen ausgestellt oder sie fertigen kleinere Bilder für den Verkauf an Sammler an.

Das Künstlerduo Herakut hat genau dies geschafft. Die beiden Sprayer aus Frankfurt und Thüringen arbeiten seit Jahren zusammen und haben bereits in São Paolo, New York, Kathmandu oder Johannesburg ihre Kunstwerke hinterlassen. Auch in Deutschland sind einige ihrer großformatigen Bilder an Hauswänden zu sehen. Zwei Bücher sind bereits herausgekommen, die ihre Arbeiten dokumentieren.

Sie schaffen es in besonderer Weise, in ihren Werken Denkanstöße zu formulieren – einerseits durch die ausdrucksstarken Darstellungen von Personen, andererseits auch oft durch kurze Sätze oder Sprüche, die auf aktuelle politische oder soziale Themen anspielen.

Allerdings sind in der breiten Bevölkerung solche Auftragswerke eher selten einen Aufreger wert. Vielmehr sind es kleinere Graffitis und Schriftzüge, die sogenannten Tags, die von vielen lokalen Sprayern überall hinterlassen werden. Brücken, Fußgängerunterführungen, Stromkästen und auch immer wieder Hauswände gehören zu den bevorzugten Malgründen, die dabei illegal „verschönert“ werden.

Hohe Kosten bei illegalen Schmierereien

Nicht nur private Hausbesitzer sind davon oft wenig begeistert, auch bei Gebäuden der öffentlichen Hand ist dies meist unerwünscht. Die Entfernung der Sprühereien und die Wiederherstellung der Fassade ist dabei mit hohen Kosten verbunden. Jüngst sind in Pressath mehrere öffentliche Gebäude mit Schriftzügen versehen worden, wobei ein Sachschaden von 5.500 Euro entstand.

Solange solche „Kunstwerken“ illegal an nicht freigegebenen Flächen entstehen, wird dies als Vandalismus beziehungsweise als Sachbeschädigung eingestuft und ist mit Strafen verbunden. Viele Täter werden allerdings nicht gefasst, sodass die Kosten von den Hauseigentümern getragen werden müssen.

Uneinigkeit über die schönen Künste

Aber auch andere Kunstwerke, die im öffentlichen Raum ganz gezielt installiert werden, stehen oft in der Kritik der Bürger. Die Skulptur „Syrmel“, die neuerdings weithin sichtbar den Kreisverkehr vor dem Landratsamt in Neumarkt ziert, hat nicht nur positive Stimmen hervorgerufen. 160.000 Euro wurden dem Künstler Robert Schad für diese und eine weitere Skulptur gezahlt. Seine Werke sind in zahlreichen Städten zu sehen, auch in Regensburg steht eine seiner Skulpturen.

Seine abstrakten Kunstwerke sollen einen Freiraum zur individuellen Interpretation zulassen. Der Betrachter muss sich mit der Skulptur auseinandersetzen und kann sich eine eigene Definition dazu überlegen, so Schad. Viele stellen den ästhetischen Wert von „Syrmel“ infrage und sprechen von Geldverschwendung. Mit solchen Reaktionen müssen Künstler jedoch immer rechnen. Auch Schad sieht die kritischen Stimmen eher gelassen, denn immer wieder schaffen seine Werke auch einen besonderen Anziehungspunkt für eine Stadt.

Über Kunst und über Geschmack lässt sich jedoch nicht streiten. Der Wert der Kunst im öffentlichen Raum zeigt sich möglicherweise auch darin, dass Diskussionen angestoßen werden und die Bürger dazu angeregt werden, sich mit dem öffentlichen Raum auseinanderzusetzen. Nicht nur die Kunstwerke selbst, auch die Umgebung, in der sie sich befinden wird verändert und bekommt ein neues Gesicht.

Auf diese Weise hat die Kunst im öffentlichen Raum im Rahmen der Kulturpolitik eine besondere Stellung inne. Sie soll einerseits Kultur vermitteln, kann aber auch provozieren und politische oder soziale Werte infrage stellen, andererseits soll sie jedoch auch ästhetischen Anforderungen bei der städtebaulichen Gestaltung erfüllen. Dies ist immer eine Gratwanderung.

Wer entscheidet über die Kunst im öffentlichen Raum?

Hier stellt sich die Frage, wer die Kunstwerke auswählt, die im öffentlichen Raum ihren Platz finden. In der Regel liegt dies in der Hand des jeweiligen städtischen Kulturreferats. So auch im Falle der beiden Kunstwerke von Robert Schad, die nun seit kurzem in Neumarkt stehen. Allerdings sind die Wege der einzelnen Städte dabei sehr unterschiedlich. Meist wird ein Wettbewerb ausgelobt, zu dem ausgewählte Künstler einen Vorschlag einreichen können.

In der Regel werden dafür zuvor bereits etablierte Künstler bestimmt, um eine gewisse Qualität sicherzustellen. Zudem wird ein Budget für die Investition festgelegt. Die Vorauswahl der Künstler sorgt ebenfalls oftmals für Kritik. Vorwürfe über Mauscheleien oder auch persönliche Vorlieben sind nicht selten. Offene Wettbewerbe, bei denen praktisch jeder einen Vorschlag einreichen kann, sorgen jedoch meist für weniger zufriedenstellende Ergebnisse, so Experten.

Der Kulturreferent der Stadt Regensburg, Klemens Unger, musste sich bei der Wahl von Kunstwerken für den öffentlichen Raum immer wieder mit derartiger Kritik auseinandersetzen. Vor allem die Entscheidung für die Fisch-Skulptur „Waller“ der Künstlergruppe STÖBÖ │ Cisca Bogman & Olliver Störmer, die an exponierter Stelle am neugestalteten Donaumarkt installiert werden soll, ist umstritten. In Regensburg ist bei solchen Beschlüssen immer auch der Berufsverband Bildender Künstler Niederbayern/Oberpfalz (BKK) mit beteiligt.

Bedeutungslos“ – so sehen Kritiker die goldene Skulptur, die zudem in derselben Form bereits ein Gebäude in Tokio ziert. Die Jury hingegen verteidigt die Entscheidung, schließlich gebe es „den besonderen Bezug der Fisch-Skulptur zur Donau, die eine Landmarke und einen Orientierungspunkt für die Besucher schafft.“

Um sich der Kritik der Mauschelei zu entziehen hat die Stadt München umfangreiche Kriterien festgelegt, die bei der Förderung von Kunst im öffentlichen Raum Anwendung finden. Mehrere Wettbewerbe pro Jahr, meist unter einem definierten Thema sollen vor allem Künstlern aus den unterschiedlichsten Sparten anregen. Dies könnte ein Modell sein, das auch in anderen Städten für eine größere Akzeptanz der Entscheidungen führen könnte.

Kunst im öffentlichen Raum als Chance

Dabei kann die „öffentliche“ und für jeden frei zugängliche Kunst gezielt als Chance genutzt werden. Viele Städte und Gemeinden suchen inzwischen den Dialog mit lokalen Künstlern aus der Graffitiszene. Es werden verschiedene Flächen im öffentlichen Raum offiziell für individuelle Kunstaktionen freigegeben. Dadurch erhalten die Künstler eine Plattform, die sie nutzen können. Das Ziel: Andere Flächen sollen so vom Anbringen illegaler und unerwünschter Graffitis verschont bleiben.

Darüber hinaus zielt der Grundgedanke der Kunst im öffentlichen Raum darauf ab, Kultur für alle zugänglich zu machen – abseits von Galerien oder Museen. Die Bürger sollen so dazu angeregt werden, sich auf eine andere Weise mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen. Dass ein Kunstwerk nicht immer jedem gefallen kann, sollte klar sein.

Die Kunst im öffentlichen Raum sollte jedoch auch leisten können, Identität zu stiften und das Stadtbild positiv zu verändern. Sie bietet für einen Ort immer auch die Möglichkeit, das urbane Umfeld und das Stadtbild aufzuwerten. Im besten Fall kann so ein neuer Anziehungspunkt geschaffen werden, der vielleicht auch Touristen anlockt.

(exb)