Oberpfalz: Nachwuchsförderung – Wie ist es um die Fußballtalente in Deutschland bestellt?

Es war eine der größten Überraschungen der WM-Geschichte: Die deutsche Nationalmannschaft ist in der Vorrunde der Fußballweltmeisterschaft 2018 ausgeschieden, und zwar erstmalig in über 80 Jahren. Es ist ein trauriger Rekord und der wirft viele Fragen auf. Denn eigentlich waren die Erwartungen an den amtierenden Weltmeister hoch und der Kader eine Besetzung aus Superstars wie Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng und Mario Gomez. Trotzdem kam das Aus erheblich schneller als erwartet und selbst die drei Vorrundenspiele waren alles andere als schön anzusehen. Die Fans sind enttäuscht und teilweise wütend: Der Wille hätte gefehlt, die Aufstellung sei unvorteilhaft gewesen oder es fehle an der sportlichen Klasse, verlautbart es Kritik von allen Seiten. Doch woran lag das frühe WM-Aus der deutschen Mannschaft wirklich?

Der deutsche Fußball steckt in einer Krise

Den einen Grund dürfte es für den historischen Bankrott wohl nicht geben. Stattdessen scheint es eine umfassendere Krise zu sein, in welcher der deutsche Fußball derzeit steckt. Schon seit mehreren Jahren macht sich im Vereinsfußball der Eindruck breit, die internationale Dominanz des deutschen Fußballs gehöre längst der Vergangenheit an. Klar, spanische, italienische oder englische Mannschaften können schon seit vielen Jahren mindestens mithalten. Doch nach und nach holen auch andere Nationen auf. Internationale Wettbewerbe werden in ihren Teilnehmerlisten immer bunter. Auch bei dieser WM konnten Überraschungsmannschaften wie Belgien oder Kroatien bis zum Ende mitmischen – hätten beinahe den Titel geholt. Das liegt einerseits daran, dass Wettkämpfe wie die Fußballweltmeisterschaft oder Europameisterschaft immer mehr zum Massenphänomen werden und wo sich Geld holen lässt, wird bekanntlich investiert. Andererseits wird dadurch der Fußball als Sport natürlich auch bei der Jugend immer beliebter und so gibt es schlichtweg mehr Nachwuchs. Das trifft auf viele Nationen zu. Die Folge: Die WM und EM im Fußball werden weiter aufgebauscht, die Wettbewerbe ausgedehnt und die Teilnehmerzahlen erhöht. So gab es im Jahr 2012 bei der Europameisterschaft beispielsweise noch 31 Spiele unter 16 Teams, im Jahr 2016 hingegen bereits 51 Spiele zwischen 24 Mannschaften. Tendenz steigend. Eine Entwicklung, die nicht ganz unkritisch betrachtet wird. Auffallend ist in diesem Kontext aber vor allem, dass sich der deutsche Fußball nicht weiterzuentwickeln scheint.

Wo bleibt der Nachwuchs auf Weltspitzenniveau?

(Bild: fotolia.com – matimix)

Während nämlich junge Nachwuchsmannschaften aus aller Welt die internationalen Turniere aufmischen, konnte das deutsche Team seine Erfolge bislang nur mit alteingesessenen Helden verzeichnen. So standen im Jahr 2014, als Deutschland den Titel holte, Stars wie Klose, Podolski, Lahm oder Schweinsteiger auf der Tribüne sowie im medialen Fokus. Alle vier sowie viele weitere haben nach dem Sieg das Handtuch geworfen und ihre Profikarriere – zumindest in der Nationalmannschaft – beendet. Andere Spieler wie der Finaltorschütze Mario Götze wurden bei der WM 2018 nicht einmal mehr in den Kader einberufen. Es waren nur wenige bekannte Gesichter auf dem Rasen bei der diesjährigen Weltmeisterschaft, jedenfalls für jene Fans, welche sich nur für die großen internationalen Wettbewerbe begeistern können. Demgegenüber gab es zahlreiche Newcomer und mit ihnen die große Hoffnung auf eine neue erfolgversprechende Mannschaft für die Zukunft. Was stattdessen bleibt, ist Ernüchterung. Wo also ist er, der Nachwuchs auf Weltspitzenniveau?

Deutschlands Professionalisierung der Nachwuchsarbeit

Zugegeben: Es ist nicht die erste Krise des deutschen Fußballs und es wird nicht die letzte sein. Zuletzt haperte es vor der Jahrtausendwende bei internationalen Turnieren, doch damals wurden zeitnah Konsequenzen gezogen. Es kam zur Professionalisierung der Nachwuchsarbeit in der Bundesrepublik und so dauerte es nur wenige Jahre, bis der Kader bei der EM und WM wieder überzeugen konnte. Dementsprechend einfach wäre die Schlussfolgerung, auch jetzt läge die Problematik wieder an fehlenden Nachwuchstalenten. Dabei ist Deutschland in der Talentförderung so aktiv wie nie zuvor: Sie ist weltweit einzigartig, flächendeckend aufgestellt und wird durch zahlreiche Institutionen getragen. Sie reicht vom großen Stil wie den Fußballinternaten und Leistungszentren der namhaften Vereine sowie deutschen Fußballverbände bis hin zu kleinen Initiativen im regionalen Kontext. Auch in der Oberpfalz wird in Sachen Nachwuchsförderung einiges gemacht: So werden jedes Jahr Ehrenamtliche mit dem Ehrenamtspreis „Fußballhelden“ ausgezeichnet, welche sich in der Nachwuchsarbeit einsetzen – beispielsweise als Trainer für Kinder und Jugendliche, als Bezirksvertreter oder durch das Anwerben von Nachwuchs für den Fußballsport. „Ohne Nachwuchs geht im Fußball nichts“, erklärt der BFV-U30-Vorstand. Doch angesichts solcher Maßnahmen dürften Nachwuchstalente eigentlich nicht das Problem des deutschen Fußballs darstellen.

Talentförderung muss mit der Zeit gehen

Zu diesem Thema meldet sich nun auch der Weltmeister Lukas Podolski zu Wort. Er kritisiert, die deutsche Nachwuchsarbeit halte an veralteten Strukturen fest und funktioniere wie eine Schablone. Stattdessen seien Umstrukturierungen notwendig, sodass die Talente individuell gefördert werden können – auch oder gerade jene, welche in der Schule vielleicht weniger gut sind. Ob die Kritik gerechtfertigt ist, scheidet die Geister. Ebenso die Frage, ob nun wirklich die mangelnde oder falsche Nachwuchsförderung an der aktuellen Misere schuld sei. So kann es durchaus sein, dass die Krise auch direkt oder indirekt mit der Nachwuchsarbeit zusammenhängt. Im Gegensatz zum Durchhänger um die Jahrtausendwende werden dieses Mal hierin aber nicht die Hauptursachen gesehen. Woran also liegt die Problematik stattdessen?

WM-Pleite: Die Suche nach den Ursachen läuft

(Bild: fotolia.com – jd-photodesign)

Die Entrüstung der deutschen Fans liegt gar nicht einmal unbedingt in dem frühen Aus bei der Weltmeisterschaft begründet. Es war die schwache Leistung und eine Körpersprache auf dem Platz, die das Scheitern quasi vorprogrammierte. Die deutschen Zuschauer hatten von ihrer Mannschaft schlichtweg mehr erwartet im Sinne einer besseren Ausstrahlung und des gewohnten Kampfgeistes. Von diesem war bei den zwei Niederlagen aber nur wenig zu sehen und auch das Unentschieden entstand aus einer Leistung, die eher schlecht als recht beurteilt werden könnte. Offensichtliche Gründe gibt es für den enttäuschenden Auftritt der deutschen Mannschaft jedenfalls nicht und somit auch keine offensichtlichen Lösungen. Dennoch läuft die Suche nach den Ursachen. So soll die Selbstherrlichkeit der Spieler durchaus eine Rolle gespielt haben. Vielleicht wurde die Nase nach dem Titelgewinn im Turnier zuvor ein Stück zu hoch getragen.

Gleichzeitig reibt sich natürlich jeder Gegner die Hände, wenn er auf Deutschland trifft und holt das Beste aus sich heraus. Das sollte aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit und für die deutsche Nationalmannschaft kein Problem sein. Nur holte diese leider selbst nicht das Beste aus sich heraus. Ganz unschuldig mögen daran auch die drastischen Umwälzungen im Team nicht sein, welche sich durch das Ausscheiden zahlreicher erfahrener Spieler nach dem Sieg bei der WM 2014 ergeben haben. Eine gute Mannschaft besteht aus ebenso älteren und erfahrenen Profis als auch neuen Gesichtern mit Motivation und innovativen Ideen. Aktuell gibt es diesbezüglich ein Ungleichgewicht. Es fehlt an erfahrenen und eingespielten Führungsspielern. Die Mannschaft muss sich erst finden und Bundestrainer Jogi Löw – der eigener Aussage zufolge vorerst in seinem Amt bleiben möchte – zeigt sich für die Zukunft durchaus zuversichtlich.

Es war ein Desaster mit Ankündigung

Wer die WM-Vorbereitung aufmerksam verfolgt hat, für den dürfte das frühe Aus der deutschen Mannschaft keine Überraschung gewesen sein. Skandale, Niederlagen und Gruppenbildungen im Team begleiteten die Vorbereitungen und stellten die WM 2018 unter einen denkbar schlechten Stern. Vielleicht ist es also wirklich nur eine Frage der Zeit, bis sich die Mannschaft findet, von der Niederlage erholt und wieder an die Weltspitze zurückkehrt. Eventuell war der Rückschlag auch notwendig, um die Spieler und die gesamte Nation auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Nun ist es jedenfalls an der Zeit, in Bescheidenheit die richtige Lehre aus dieser Erfahrung zu ziehen und die Früchte der zu Beginn der 2000er Jahre revolutionierten Nachwuchsarbeit zu ernten. Aus Fehlern können Menschen bekanntlich lernen und von diesen hat die deutsche Nationalmannschaft beim Turnier in Russland zumindest keinen ausgelassen. Es bleibt also spannend, wann sich der deutsche Fußball erholt oder ob dies erst der Beginn einer tiefergehenden Krise war.

 

Titelbild: fotolia.com – contrastwerkstatt

 

(exb)