Johann Graf wünscht sich Regen für sein Getreidefeld in Lissenthan bei Nabburg. Der Landwirt ist Referent beim Bayerischen Bauernverband und kennt auch ganz persönlich die Probleme auf dem Acker: Die Folgen des Klimawandels beschäftigen die Bauern, vor allem lange Dürrephasen. „Da wünsche ich mir einfach von der Züchtung Sorten, die viele Wurzeln entwickeln und die resistent sind, sodass wir nicht viel spritzen müssen“, erklärt Graf. Was bei diesem Thema auch eine Rolle sei, ist die Gentechnik, so Graf. „Die Züchtung war für uns Landwirte schon immer extrem wichtig, aber sie braucht halt Zeit. Die neuen Züchtungsmethoden könnten da die Anforderungen schneller befriedigen“, argumentiert der Landwirt.
Neue Züchtungsmethoden: Damit meint Johann Graf moderne Gentechnik. Sogenannte neue genomische Techniken, oder kurz NGT. Dabei kann die DNA von Pflanzen mit einer sogenannten Genschere ganz gezielt bearbeitet werden. Im Gegensatz zu früherer, klassischer Gentechnik, wird dabei kein fremdes Genmaterial eingefügt.
Lockerung seit Jahren auf EU-Ebene in Arbeit
Für solche sogenannte NGT1-Pflanzen will die EU nun ihre Regelungen lockern. Europaabgeordneter Christian Doleschal erklärt, warum: „Damit wir eben in Zeiten wie diesen, wo Klimawandel, Pestizide und die Frage nach Nahrungssicherheit eine Rolle spielen, ein Stück weit schneller vorankommen. Diese Pflanzen können ertragreicher und klimaresilienter werden und haben viele Vorteile.“, erläutert Doleschal die Gedankengänge auf EU-Ebene im OTV-Gespräch.
Gentechnik ist Stand jetzt in der EU streng reguliert. In Deutschland und vielen anderen Mitgliedstaaten ist der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen komplett verboten. Diese Regeln stammen noch aus dem Jahr 2001. Inzwischen habe sich die Technik aber weiterentwickelt, so die Argumentation von Befürwortern.
Das Hauptargument: Mit den neuen genomischen Techniken entstehen Pflanzen, die auch auf natürlichem Wege oder bei der klassischen Züchtung herauskommen könnten. Nur gehe es mit der Gentechnik eben gezielter und schneller. Die EU müsse außerdem darauf schauen, sich nicht zu sehr zu regulieren, um im internationalen Vergleich nicht abgehängt zu werden, gibt Doleschal zu bedenken.
Keine Kennzeichnung im Supermarktregal
Weil die NGT1-Pflanzen auch bei der klassischen Züchtung entstehen könnten, sollen sie im Geschäft oder in Produkten auch nicht gekennzeichnet werden müssen. Verbraucherschützer, aber auch Bio-Landwirte kritisieren das. Christian Doleschal kann die Bedenken der Kritiker nachvollziehen. „Deswegen soll der ganze Vorgang auch von einem Expertengremium begleitet werden.“ Falls sich also nach der Lockerung „irgendwelche Auswüchse“ der Gentechnik-Pflanzen offenbaren, könne so die Politik auch wieder reagieren.
Die Gentechnik-Reform hat in Brüssel bereits viele Hürden genommen. In einigen Punkten soll aber noch nachverhandelt werden. Der Bayerische Bauernverband fordert zum Beispiel, dass keine Patente auf NGT-Pflanzen oder Tiere angemeldet werden dürfen. „Bei Patenten können hohe Kosten für Landwirte oder Züchter entstehen. Das würde große Konzerne bevorzugen und kleine mittelständische Züchter gefährden.“, erklärt Johann Landgraf die Bedenken.
„Auch neue Gentechnik ist nicht ohne Risiken“
Wer die Reform scharf kritisiert, ist der Bund Naturschutz. Dr. Martha Mertens ist die Sprecherin der BN-Arbeitsgruppe Gentechnik und erklärt im OTV-Gespräch den Standpunkt der Umweltorganisation: „Auch die neuen genomischen Techniken sind Gentechnik. Und man kann nicht sagen, dass das ohne Risiken wäre.“ Die klassische Züchtung sei außerdem viel besser geeignet, um klimaresistentere Sorten hervorzubringen, so Mertens. Und was der BN besonders kritisiert: Die neue Gentechnik soll nicht nur für Nutzpflanzen in der Landwirtschaft erlaubt sein, sondern für alle Pflanzen, auch in freier Wildbahn.
Das Europaparlament will im Juni abschließend über den Gesetzentwurf abstimmen. Gentechnik, die über NGT1-Pflanzen hinaus geht, bleibt in der EU aber trotz der Reform weiterhin streng reguliert.
(az)