Mehr als 70 Jahre lang prägte das Kohlekraftwerk im Schwandorfer Ortsteil Dachelhofen die Region. Für Generationen war es Arbeitgeber, Wahrzeichen und Identifikationspunkt zugleich. Offiziell trug es die Namen „Kohlekraftwerk Schwandorf“ oder „Kraftwerk Else“ – doch für die meisten Menschen war es schlicht das „Bayernwerk“.
Jahrzehnte der Stromerzeugung
1929 wurde das Kraftwerk aus der Taufe gehoben. Ursprünglich wollten es die Betreiber in Wackersdorf bauen, doch der Standort bei Dachelhofen stellte sich als günstiger für die Kühlwasserversorgung heraus. Über die Jahre hinweg wurde das Kraftwerk immer wieder erweitert. Die markanten Türme und Anlagen brannten sich fest ins Ortsbild und ins Gedächtnis der Schwandorfer ein. Das Werk stand für industrielle Stärke und sichere Arbeitsplätze.
Erste Anzeichen des Niedergangs
In den 1980er Jahren zeichnete sich langsam ab, dass die große Zeit des Kohlekraftwerks zu Ende gehen könnte. Der Kohleabbau rund um Wackersdorf wurde gestoppt. Zuletzt kam Kohle aus Tschechien, oder sie wurde durch Tiermehl ersetzt. Nach und nach wurden Turbinen abgeschaltet. Ende der 1990er Jahre lief nur noch ein einziger Block. Die Gerüchte über eine mögliche Stilllegung wurden immer lauter.
Ein entscheidender Einschnitt war die Liberalisierung des Energiemarktes 1998. Offiziell hieß es, das Kraftwerk könne unter den neuen Marktbedingungen nicht mehr rentabel betrieben werden. Für viele Beschäftigte kam diese Begründung dennoch zu abrupt – insbesondere für jene, die ihr gesamtes Berufsleben dort verbracht hatten.
Die Entscheidung zur Stilllegung
Anfang der 2000er Jahre wurde schließlich Gewissheit, was sich lange angedeutet hatte: Das Bayernwerk würde schließen. Zwar musste noch vorhandene Kohle verfeuert werden, und die Turbinen liefen noch eine Zeit lang weiter – doch das Ende war beschlossen. 2002 wurden die Turbinen endgültig abgeschaltet. Bis 2003 war für Nacharbeiten nur noch eine Handvoll Arbeiter da.
Für die Belegschaft war dies eine Phase der Unsicherheit. Hunderte Mitarbeiter standen ohne klaren Plan B da. Einige fanden über eine Auffanggesellschaft oder in anderen Betrieben, etwa im angrenzenden Müllkraftwerk, eine neue Beschäftigung. Andere gingen in den Vorruhestand. Doch mehrere Dutzend Mitarbeiter fanden keine passende Nachbeschäftigung.
Rückbau und Zwischenfall 2003
Kurz nach der Stilllegung begann der Rückbau der Anlage. 2003 sollte zunächst der Kühlturm gesprengt werden. Doch bei Vorarbeiten kam es zu einem Brand. Eine Rauchwolke mit giftigem Asbest zog über Schwandorf und ließ krebserregende Rußpartikel regnen. Spielplätze wurden zeitweise gesperrt, Anwohner wurden aufgefordert, Oberflächen im Freien abzuspülen, und in einem begrenzten Bereich musste sogar der Boden abgetragen werden.
Nach diesem Zwischenfall verlief der Abriss planmäßig. Einer nach dem anderen wurden die markanten Bauwerke gesprengt. Zu jedem Termin versammelten sich zahlreiche Schaulustige. Viele kamen nicht nur wegen des spektakulären Moments, sondern um Abschied zu nehmen – von einem Stück Heimat.
Am 18. Februar 2005 fielen schließlich die beiden 215-Meter-hohen Schornsteine. Damit endete die Geschichte des Kohlekraftwerks in Dachelhofen endgültig.
Vom Kraftwerksgelände zum Gewerbegebiet
Doch das Areal blieb nicht ungenutzt. Heute durchziehen öffentliche Straßen das ehemalige Werksgelände. Es wurden ein neues Kanalisations- und Stromnetz geschaffen, alte Gebäude saniert und weiterverwendet. Neue Firmen und Betriebe siedelten sich an – aus dem Kraftwerksgelände wurde ein Gewerbegebiet. Schon kurz nach dem Ende der Abrissarbeiten zog die Firma Schmack in das alte Verwaltungsgebäude ein und leitet von dort aus bis heute seine Biogasproduktion.
Auch die Bayernwerk AG ist weiterhin in Schwandorf ansässig. Von hier aus betreut das Unternehmen ein Netz von erneuerbaren Energieträgern, das heute mehr Strom produziert, als das Kohlekraftwerk zu Spitzenzeiten je leisten konnte. Die Stilllegung markierte das Ende einer industriellen Ära für Schwandorf. Doch das Licht in der Region ging damit nicht aus – es wird heute nur auf andere Weise erzeugt.
(sb)