Bei häuslicher Gewalt denken die meisten Menschen im ersten Moment an Gewalt gegen Frauen. Zurecht – aber auch Männer können Opfer werden. Zahlen der Polizei von 2024 zeigen: Rund 30 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt waren Männer. Das ist allerdings nur das Hellfeld, also die Fälle, die auch zur Anzeige gebracht werden. Wie das Dunkelfeld aussieht, hat nun eine umfassende Studie des Bundesfamilienministeriums untersucht – erstmals auch für Männer.
In der Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“ aus dem Februar 2026 haben Wissenschaftler erstmals auch Männer befragt. Die Resultate sind auf dem ersten Blick durchaus überraschend: Sowohl bei der körperlichen als auch der psychischen Gewalt sind ähnlich viele Männer wie Frauen betroffen. 14 Prozent der befragten Männer haben schon mal körperliche, 40 Prozent psychische Gewalt erfahren. Bei Frauen sind es jeweils ein paar Prozentpunkte mehr.
Prävalenz vs. Inzidenz
Diese Zahlen zeigen aber nur die sogenannte Prävalenz – also die Zahl der Menschen, die mindestens einmal in ihrem Leben betroffen waren. Die Inzidenz dagegen sagt auch etwas darüber aus, wie oft Menschen psychische und körperliche Gewalt erfahren müssen – und hier zeigen sich deutliche Geschlechterunterschiede.
Beispiel körperliche Gewalt: Pro 1.000 Menschen gibt es 184 Gewalthandlungen gegen Männer, aber 240 Gewalthandlungen gegen Frauen. Bei allen Formen der psychischen Gewalt (also Bedrohung, emotionale, kontrollierende oder wirtschaftliche Gewalt) sind Frauen viel häufiger Opfer als Männer: Bei wirtschaftlicher Gewalt zum Beispiel gab es mehr als doppelt so viele Fälle gegen Frauen als gegen Männer.
„Sich Hilfe zu suchen kratzt am eigenen Männerbild“
Auch wenn Frauen in den meisten Bereichen häuslicher Gewalt also heftiger betroffen sind, zeigt die Studie: Auch viele Männer machen Gewalterfahrungen. Das Problem: Sie suchen sich seltener Hilfe. „Bei Männern spielt oft der Punkt mit, dass durch Stereotype und durch Erziehung eine große Scham besteht.“, weiß Michael Grodd. Er ist von der Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer in Nürnberg, die auch für die nördliche Oberpfalz zuständig ist. „Sich einzugestehen, dass man ein Opfer von Gewalt ist, kratzt oft am Männerbild, das immer noch viel herumgetragen wird.“, so Grodd.
Häusliche Gewalt hat viele Facetten. Während Frauen häufiger unter sexualisierter und wirtschaftlicher Gewalt leiden, sind Männer meist von psychischer und körperlicher Gewalt betroffen. Das reicht von Erniedrigungen und Demütigungen bis hin zu Messerattacken, erzählt David Schäfer. Er betreut die Männerschutzwohnung Riposo der Caritas in Nürnberg.
Männerschutzwohnung stark gefragt
„Besonders gravierende Fälle gibt es bei innerfamiliärer Gewalt“, weiß er. Bei innerfamiliärer Gewalt ist nicht die Partnerin die Täterin, sondern weitere Familienmitglieder. „Vor allem bei Großfamilien, zum Beispiel bei Fällen von Zwangshochzeiten, kann das eine sehr große Bedrohungslage für den Mann bedeuten.“, erklärt Schäfer.
Insgesamt gibt es zwei solcher Männerhäuser in Bayern mit insgesamt 9 Plätzen. Die 5 verfügbaren Plätze in Nürnberg werden dringend gebraucht, so Schäfer. „Wir sind eigentlich dauerhaft besetzt.“
95 Männer sind 2024 in Deutschland durch häusliche Gewalt ums Leben gekommen, viele davon durch Familienmitglieder, einige auch durch ihre Partner – jedes Opfer ist eines zu viel.
Wer betroffen ist, kann sich Hilfe holen: Zum Beispiel hier:
Hilfetelefon Gewalt gegen Männer
Tel. 0800 123 99 00
Beratungsstelle Häusliche Gewalt gegen Männer (https://www.iska-nuernberg.de/bhgm/)
Angesiedelt bei der ISKA in Nürnberg
Tel. 09 11 27 29 98-20
Männerschutzwohnung Riposo der Caritas Nürnberg (https://www.caritas-nuernberg.de/einrichtungen/riposo-schutzwohnung-fuer-maenner)
Tel 0911/23 54 137
(az)