Do., 08.01.2026 , 13:21 Uhr

Weiden / Sulzbach-Rosenberg

Wenn Schmerzmittel zur Sucht werden

Heidi litt jahrelang unter chronischen Schmerzen – bis sie schließlich in eine Schmerzmittelabhängigkeit rutschte. Was können Betroffene in einem solchen Fall tun – und wie kommt es erst gar nicht so weit?

Tabletten, die Heidi eigentlich helfen sollten, wurden ihr letztendlich zum Verhängnis. Die 36-Jährige litt jahrelang unter chronischen Schmerzen. Sie besuchte einen Arzt nach dem anderen, probierte verschiedene rezeptfreie Schmerzmittel – doch nichts half. Ihr Hausarzt verschrieb ihr schließlich Tilidin, ein Medikament, das abhängig machen kann.

„Mein Arzt war schnell überfordert. Er wusste nicht, wie er mir helfen soll“, so Heidis Eindruck, wenn sie zurückblickt. „Mir ist es so vorgekommen, als hätte er mir einfach immer wieder das Rezept für das Tilidin ausgestellt, damit er wieder einen Monat Ruhe hat.“ Drei Jahre lang ging das so. Während dieser Zeit brauchte Heidi die Tabletten immer schneller auf. „Am Anfang nahm ich bei Bedarf eine Dosis von 50mg. Am Ende waren es dann bis zu sechs 100mg-Tabletten am Tag.“ Auf die Suchtgefahr wies der Arzt Heidi nicht hin, erzählt sie. Und so rutscht sie bald in die Abhängigkeit.

Eine von 1,4 Millionen Abhängigen

Deutschlandweit sind rund 1,4 Millionen Menschen abhängig von Schmerzmitteln. In Heidis Fall war es ein Schmerzmittel der Stufe zwei. Grundsätzlich unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation drei verschiedene Kategorien:

Stufe 1 sind sogenannte nicht-steroidale Antirheumatika. Dazu zählen Paracetamol, Ibuprofen oder Diclophenac. Diese machen nicht abhängig.

Stufe 2 sind schwach wirksame Opioide. Diese haben bereits eine gewisse Suchtgefahr. Dazu zählen zum Beispiel Tilidin oder Tramadol.

Stufe 3 sind starke Opioide, also zum Beispiel Fentanyl oder Morphin. Solche Mittel machen abhängig.

Engmaschige Betreuung nötig

Welche Schmerzbehandlung für welchen Patienten das richtige ist – dabei sei die engmaschige Betreuung vom Arzt das A und O. Das erklärt Dr. Sabine Morgenschweis aus Sulzbach-Rosenberg. „Das muss man sich genau überlegen. Wenn ich zum Beispiel einen Patienten mit einem Bandscheibenvorfall bei mir habe, bei dem keine normalen Schmerzmittel helfen, dann scheue ich mich auch nicht, ihm Tilidin zu verschreiben. Aber nur für eine gewisse Zeit!“, betont sie. Dann müsse das Medikament wieder abgesetzt werden, sonst geht der Weg klar in die Abhängigkeit.

Was also tun bei chronischen Schmerzen? Solche Menschen bräuchten idealerweise eine sogenannte multimodale Schmerztherapie, rät Dr. Morgenschweis. Also eine Kombination aus Physio-, Psycho- und Ergotherapie in einer speziellen Schmerzklinik.

Erste Anlaufstelle Suchberatung

Menschen wie Heidi, die bereits in einer Abhängigkeit stecken, können bei der Suchtberatung der Caritas Hilfe suchen. „Wir können dann gemeinsam schauen, welche nächsten Schritte nötig und möglich sind.“, erklärt Suchtberaterin Eva Vitzthum. „Also zum Beispiel eine Entgiftung. Und dann geht es natürlich um die Frage: wie kann ein Leben ohne Schmerzmittel aussehen?“

Heidi bekam nach vier Jahren schließlich die Diagnose Fibromyalgie. Eine Krankheit die zu Schmerzen in verschiedenen Körperregionen führen kann. Heute ist sie bei einem Substitutionsarzt in Behandlung, bekommt also ein Ersatzmedikament statt ihres Suchtmittels. „Damit geht es mir sehr gut. Ich kann arbeiten gehen und ein normales Leben führen.“ Bis dahin war es aber ein langer und buchstäblich schmerzhafter Weg. Heidi wünscht sich eine bessere Versorgung von Betroffenen – damit anderen so etwas hoffentlich erspart bleibt.

(az)

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