Mi., 10.03.2021 , 11:10 Uhr

Mitterteich: Wie die Inklusion in der Pandemie leidet

Menschen mit Behinderung leiden besonders unter der Corona-Pandemie. Die Inklusion sei im „Corona-Stresstest“ stark gefährdet – so die Ergebnisse einer Studie des Netzwerkes Inklusion Tirschenreuth

Ein Stresstest für die Inklusion – das sei die Zeit der Pandemie, so das Netzwerk Inklusion Tirschenreuth. Menschen mit Behinderung, Eltern von behinderten Kindern und pflegende Angehörige: Diese Menschen würden im Lockdown besonders leiden. Denn die Unterstützung durch Behinderteneinrichtungen, Förder- oder Werkstätten fällt plötzlich einfach weg. Mit einer Studie hat das Netzwerk genauer untersucht, wie es um die Inklusion in der Coronazeit steht – die Ergebnisse legen vielfältige Probleme offen.

Momentan ist in der Heilpädagogischen Tagesstätte in Mitterteich nur Notbetreuung erlaubt – bereits zum zweiten Mal in der Pandemie. In der Einrichtung der Lebenshilfe Tirschenreuth versucht man, auch in Corona-Zeiten Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen so gut wie möglich zu unterstützen. Eine schwierige Aufgabe, denn vieles wird durch die Corona-Verordnungen unmöglich.

Kritik: Entscheidungen ohne Betroffene getroffen

Die Regeln für die Behinderteneinrichtungen seien über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden worden, kritisiert Lebenshilfe-Geschäftsführer Berthold Kellner. Während man normalerweise einen guten Kontakt zur Politik habe, sei dieser in der Coronakrise komplett abgerissen. Und das nicht nur bei der Lebenshilfe im Kreis Tirschenreuth, sondern auch bei weiteren sozialen Trägern, so Kellner. Er ist auch Sprecher der Oberpfälzer Lebenshilfen und steht deshalb mit den Kollegen in engem Kontakt. Kellner hätte sich gewünscht, dass Sozialpolitiker sich in den Einrichtungen erkundigt hätten, welche Probleme und Erfahrungen es gibt, um diese in die politischen Entscheidungen einfließen zu lassen.

Inklusion und soziale Teilhabe in der Pandemie: es ist ein schwieriger Spagat. Einerseits sollen Menschen mit Behinderung vor Infektionen geschützt, andererseits nicht alleine gelassen werden. Dieses Spannungsfeld hat das Netzwerk Inklusion in einer Studie untersucht: Es hat seit dem Sommer 45 soziale Einrichtungen und 30 Einzelpersonen zu ihren Erfahrungen befragt. Das Ergebnis ist ein etwa 140 Seiten umfassendes Werk, das Erfahrungen von Betroffenen schildert.

Inklusion durch Pandemie stark gefährdet

Die Botschaft der Studie: Die Inklusion sei stark gefährdet, die Probleme vielfältig: Eltern seien zum Beispiel Zuhause überlastet, da sie Therapeut, Lehrer und Pflegekraft gleichzeitig sein müssen. Menschen mit Behinderung würden ihre sozialen Kontakte verlieren und sich allein gelassen fühlen. Auch der barrierefreie Zugang zu aktuellen Informationen sei nicht immer gegeben. Im Bereich der Förderschulen zum Beispiel stellte sich das Homeschooling als großes Problem heraus. Die Kinder bräuchten eine sehr intensive Betreuung, die über einen Videochat nicht geleistet werden könne, so Berthold Kellner. Das Netzwerk Inklusion kritisiert auch, dass häufig eine „Politik des geringsten Widerstands“ gemacht worden sei. Menschen mit Behinderung dürften nicht übergangen werden, nur weil sie sich weniger laut beschweren als andere Gesellschaftsgruppen.

12 Forderungen an Politik und Gesellschaft

Wie also kann es in einer erneuten Krisensituation besser laufen? Dafür hat die Studie 12 Forderungen an Politik und Gesellschaft aufgestellt, von der besseren Kommunikation mit den Betroffenen bis hin zur Aufstellung differenzierterer Regeln. Was die Landkreisebene angeht: Hier sei schon ein hohes gesellschaftliches Engagement etabliert, ist Tirschenreuths Landrat und Lebenshilfe-Vorsitzender Roland Grillmeier überzeugt. Die bestehenden Netzwerke könnten aber noch besser auf einzelne Ortschaften heruntergebrochen werden, um vor Ort Ansprechpartner im Fall einer Krise zu haben.

Die Teilhabe von Menschen aller Art dürfe auch in schwierigen Zeiten nicht vergessen werden, so der Appell des Netzwerkes Inklusion. Die Studie und ihre Forderungen sollen nun an gesellschaftliche und politische Akteure geschickt werden. Sie kann von jedem Interessierten in voller Länge online auf der Seite des Netzwerkes Inklusion abgerufen werden. (az)

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