
Pfreimd/Amberg
Impfgeschädigter fordert mehr Anerkennung und Hilfe für Betroffene
Siegfried Schmauß-Sittl aus Pfreimd leidet nach einer Coronaimpfung an Folgeschäden. Er entwickelte eine seltene neuralgische Schulteramyotrophie, eine Entzündung der Nerven. Was er für Betroffene fordert.
Eine Infektion kann den Körper ganz schön durcheinanderbringen – nicht nur während der akuten Erkrankung, sondern auch danach. In manchen Fällen bleibt das Immunsystem danach im Alarm-Modus – und kann sich gegen den eigenen Körper richten. Das gleiche kann auch nach einer Impfung passieren, wenn auch deutlich seltener. Aber Siegfried Schmauß-Sittl aus Pfreimd ist genau das nach einer Corona-Impfung widerfahren.
Er spürt bis heute körperliche Auswirkungen. Eine Kette um den Hals zu legen beispielsweise – es ist eine alltägliche Handlung, die für Siegfried Schmauß-Sittl aber nur noch schwer möglich ist. Der Mann aus Pfreimd hat starke Bewegungseinschränkungen in der rechten Schulter. Los ging das nach einer Corona-Imfpung vor fast vier Jahren. „Ich habe eine Woche nach der vierten Corona-Impfung extreme Schmerzen in der Schulter bekommen. Auf einer Schmerzskala von 0 bis 10 definitiv eine 9 bis 10“, erinnert er sich. „Und nach einer Woche sind die Schmerzen dann verschwunden, aber dann war der Arm plötzlich gelähmt. Er hing einfach nur noch herunter.“
Anfangs ist Schmauß-Sittl ratlos. Kein Arzt kann ihm erklären, woher diese Symptome kommen. Nach zwei Wochen bekommt er schließlich bei einem Neurologen die Antwort: Schmauß-Sittl hat eine neuralgische Schulteramyotrophie, auch Parsonage-Turner-Syndrom genannt. Für eine Behandlung war es an diesem Punkt aber bereits zu spät. Die Einnahme von Cortison hätte die Entzündung lindern können, aber das hätte sofort erfolgen müssen. „Wichtig wäre auch gewesen, direkt in eine intensive Physio- und Ergotherapie einzusteigen“. Da habe es aber Probleme mit der Krankenkasse gegeben, erzählt Schmauß-Sittl. Deswegen habe erst nach einem Dreivierteljahr die Reha beginnen können.
Entzündung des Nervengeflechts der Schulter
Bei einer neuralgischen Schulteramyotrophie entzünden sich die Nerven in der Schulter. Das Immunsystem richtet sich also gegen den eigenen Körper. Das kann nach Infektionen oder auch nach Impfungen passieren – letzteres ist allerdings sehr selten, erklärt Neurologe Dr. Frank Huber, Chefarzt der Klinik für Neurologie in Amberg.
Das Problem für Betroffene: „Bei Schmerzen in der Schulter denkt man zuerst an orthopädische oder neuro-chirurgische Erkrankungen“, erklärt Huber. „Viele Ärzte – und das darf man so offen sagen, weil eine neuralgische Schulteramyotrophie einfach nicht häufig ist – haben die Erkrankung nicht auf dem Schirm.“, so Huber. Die meisten Betroffene kommen in den ersten kritischen Tagen also gar nicht bei einem Neurologen an.
Trotz allem betont Dr. Huber aber: Das Risiko für eine solche Impf-Komplikation ist äußert gering, der Nutzen der Impfung hingegen viel höher. Bei leichten Schmerzen oder Abgeschlagenheit nach einer Impfung müsse man sich noch keine Sorgen machen. Wann Patienten hingegen aufmerksam werden sollten: „Alles, was über ein paar Tage hinaus geht, was mit Fieber, Lähmung oder Taubheit einhergeht, das ist keine normale Impfreaktion. Und bei Taubheit oder Lähmung ist ein Neurologe gefragt.“, so Huber.
Wunsch nach Anerkennung und Entschädigung
Siegfried Schmauß-Sittl würde sich wünschen, dass mehr Ärzte das seltene Syndrom auf dem Schirm hätten. Er hat nach seiner Diagnose einen Antrag auf Entschädigung wegen eines Corona-Impfschadens gestellt. Das zuständige Bayerische Zentrum für Familie und Soziales hat seinen Antrag aber abgelehnt. Schmauß-Sittl hat Klage gegen diese Entscheidung eingereicht, das Verfahren am Sozialgericht läuft. Trotz allem betont Schmauß-Sittl: Er bereut die Impfung nicht. „Ich bin überhaupt kein Impfgegner. Ich stehe dazu, dass ich mich viermal habe impfen lassen“ – auch, um andere zu schützen.
Schmauß-Sittl engagiert sich heute in Selbsthilfegruppen. Er wünscht sich vor allem eines: Anerkennung für Menschen, die nach der Pandemie Folgen davongetragen haben. „Mein Kampf geht nicht um mich, um meine kleine Beschwerde. Sondern allgemein um alle Menschen, die an Corona-Folgen leiden, zum Teil viel schlimmer“.
Ob Long Covid, ME/CFS oder Impf-Schäden – all diese Betroffenen verdienen gleichermaßen Anerkennung und Entschädigung. Dafür will sich Siegfried Schmauß-Sittl weiter einsetzen.
(az)