
Pirk / Weiden
„System ist kurz vor dem Kollabieren“ – Lehrerverband warnt vor Lehrermangel
Mehr Schüler und gleichzeitig Lehrermangel. Wie sind die Oberpfälzer Schulen im neuen Schuljahr aufgestellt? Während das Kultusministerium von einer stabilen Unterrichtsversorgung spricht, schlägt der Lehrerverband Alarm.
Schulbeginn – eigentlich eine freudige Zeit für Lehrer und Schüler. Doch viele Lehrer stellen sich in diesem Schuljahr wieder auf viel Stress ein. Seit Jahren kämpfen die Schulen mit einem Lehrermangel. Bayerns Kultusministerin Anna Stolz von den Freien Wählern beschreibt die Unterrichtsversorgung dieses Jahr als „stabil“. Der Oberpfälzer Vorsitzende des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands Manuel Sennert hält dagegen: „Wir sind ganz anderer Meinung.“
Die Unterrichtsversorgung sei „wie ein Kartenhaus.“, so Sennert. „Wir haben jetzt schon einen Mangel und kommen jetzt dann in die Erkältungszeit hinein. Das System ist kurz vor dem Kollabieren“. Es müsse bei den Eltern ankommen, wie schlimm die Situation sei, warnt Sennert. In der Oberpfalz seien besonders die Räume Amberg, Weiden, Neustadt und Tirschenreuth vom Lehrermangel betroffen.
Mehr Schüler, aber nicht mehr Lehrer
Neue Stellen für zusätzliche Lehrer geschaffen werden in diesem Schuljahr aber nicht, das steht fest. Denn die Bayerische Staatsregierung hat ein Stellenmoratorium verhängt. Eine Sparmaßnahme in Zeiten von knappen Kassen. Gleichzeitig gibt es dieses Jahr mehr Schüler. In der Oberpfalz etwa 1 Prozent mehr als im Vorjahr, wie Zahlen der Regierung der Oberpfalz zeigen.
Mehr Schüler, zu wenig Lehrer – das wirke sich auf die Unterrichtsqualität aus, erklärt Sennert: „Es gibt im Mittelschulbereich seit Jahren keine AGs mehr. Die Klassenstärken werden erhöht, es sind immer mehr Schüler in einer Klasse. Man doktert herum an den Stundentafeln, manche Stunden kann man gar nicht mehr abdecken.“, so beschreibt der Lehrer die Lage. In der Oberpfalz habe man es geschafft, dass vor jeder Klasse ein ausgebildeter Lehrer als Klassenleiter stehe – aber nur „mit größten Kraftanstrengungen“.
Schlechte PISA-Ergebnisse waren „keine Überraschung“
Kein Wunder also, dass die Schüler sich bei der neuesten PISA-Studie schlecht geschlagen hätten, so die Ansicht von Sennert. Dieser Meinung ist auch Landtagsabgeordnete Nicole Bäumler. Sie war früher selbst Lehrerin und sitzt nun für die SPD im Bayerischen Bildungsausschuss. Sie habe die schlechten Ergebnisse leider so erwartet, so Bäumler gegenüber OTV. „Wir hatten vor drei Jahren die letzten PISA-Ergebnisse und wenn man daraus dann nicht die richtigen Schlüsse zieht – zum Beispiel mehr in Förderunterricht investiert – dann ist es nicht verwunderlich, dass die Ergebnisse bei der nächsten PISA-Studie wieder so ausfallen.“, so die Meinung der Politikerin.
Kultusministerium: PISA-Ergebnisse sind „inakzeptabel“
Bayerns Kultusministerin Anna Stolz bestärkt gegenüber OTV hingegen, dass Bayern angemessen auf die schlechten PISA-Ergebnisse reagiere.
„Die deutschlandweiten PISA-Ergebnisse sind inakzeptabel und bestärken uns, in Bayern unseren eingeschlagenen Weg mit aller Kraft weiterzugehen. Bereits nach den letzten Ergebnissen haben wir sofort gehandelt. Mit unserer PISA-Offensive haben wir bereits 2024 konkrete Maßnahmen in die Wege geleitet. Unser Kurs steht: früh hinschauen, gezielt fördern und die Basiskompetenzen kraftvoll stärken.
In der Grundschule haben wir über die vier Schuljahre Deutsch und Mathematik um sechs Wochenstunden aufgestockt. Rund eineinhalb Jahre vor der Einschulung erheben wir verbindlich den Sprachstand und schließen bei Förderbedarf eine verpflichtende Sprachförderung an. Dazu kommen wissenschaftsbasierte Diagnostik und Fortbildung für unsere Lehrkräfte. Zum aktuellen Schuljahr startete unsere Mittelschulinitiative, die die erwähnten Maßnahmen konsequent fortsetzt. Das waren ganz entscheidende Schritte auf dem Weg, den wir mit nun mit zusätzlichen Stunden an der Grundschule weiter gehen.“
Anna Stolz, Freie Wähler, Kultusministerin Bayern
Nicole Bäumler kritisiert hingegen die Bildungsarbeit der Staatsregierung. Ihre Meinung: Bei Bildung dürfe nicht gespart werden, auch nicht bei einer angespannten Haushaltslage. „Wir wissen, dass jeder Euro, den wir in Bildung investieren sich auszahlt – und zwar dreifach.“, betont sie. Die SPD-Fraktion sei deshalb auch der Meinung, dass Bayern es auch in Betracht ziehen sollte, wieder Schulden aufzubauen, um Investitionen in die Bildung machen zu können.
Der aktuelle Plan der Staatsregierung: Zusätzliche Lehrer sollen erst im nächsten Schuljahr eingestellt werden. Dann will Bayern 1.500 neue Lehrerstellen schaffen.
(az)